Von: M.H.
Dauer der Verschickung: 3 oder 4 Wochen
Bericht: Meine Eltern hatten gerade ein Reihenhaus gebaut und das Geld war knapp. Daher sollten meine beiden Brüder und ich (4, 6 und ich 8 Jahre) 1966 durch einen Kuraufenthalt etwas verwöhnt werden. Urlaub war ja nicht finanzierbar. Vom Träger (leider nicht bekannt), der diese Aufenthalte finanzierte, bekamen meine Eltern Nummern für Kleidung und andere persönliche Gegenstände, die meine Mutter in mühevoller Arbeit für uns drei in jede Jacke, Hose, Pullover, Unterwäsche, Handtücher, Socken usw. einnähte. Damals fuhr noch eine Dampflok nach Schleswig-Holstein, die dann, bevor es über den Hindenburg-Damm ging, auf wahrscheinlich Diesellok umgespannt wurde. Ziel unseres Kuraufenthaltes war das Kinderkurheim Pless in Westerland. Leider ist dieser Aufenthalt fast durchgehend negativ besetzt. Die Dinge, an die ich mich erinnern kann, liste ich einfach nur auf:
Meine Brüder waren in anderen Gruppen untergebracht und ich durfte sie nicht sehen. Während der Mittagsruhe habe ich mich heimlich zu ihnen geschlichen.
Ich war zwar die zweitgrößte in der Schulklasse, aber doch kein “ Riese“. Dennoch waren die Betten zu kurz für mich und ich konnte mich nicht ausstrecken.
Die Nummern waren doppelt vorhanden, da andere Kinder schon zum zweiten Mal dort waren und deren Eltern die Nummern nicht ausgetauscht hatten. Nun hingen auf den mit Nummern versehenen Kleiderhaken die Kleidung von zwei Kindern. Vieles der Kleidung geriet durcheinander und auch verloren.
Als Kind habe ich wirklich gerne Kaba getrunken. Im Kinderkurheim gab es richtig gekochten Kakao, dünn und ohne Milch. Danach habe ich nie wieder Kakao getrunken, Schokokuchen oder Schokoladeneis gegessen. Allein der Geruch hat mir Jahrzehnte den Magen umgedreht.
Der Nachtisch bestand sehr häufig aus eingemachten Kürbisstückchen, etwa 3 bis 5. Nachmittags gab es trockenes Knäckebrot -das ganz dünne- mit ungesüßtem Pfefferminztee.
Von meinem Aufenthalt auf der Krankenstation haben meine Eltern nie erfahren.
Das Gefühl „Heimweh“ habe dort kennengelernt, zum ersten und auch letzten Mal. Es war schrecklich!
Die Tränen meiner Mutter, als sie uns vom Bahnhof abholte, habe ich nie vergessen. Denn es waren eher Tränen des Entsetzens. Dazu der Satz: Mein Gott, was seid ihr dünn geworden!
Datum: 11. September 2026
Zeit: 16:17
Anonymisierungs-ID: bbe