Von: D.K.
Westerland/ Sylt, Haus Quickborn
1969
Schwarzwald
Was ich erinnere; ist deutlich, schon lange präsent und besteht aus wenigen einzelnen Szenen.
Gefühlt hat es in der Anfangs- und Endzeit stattgefunden. Was ich nicht erinnere, ist alles dazwischen, Alltag, Routinen. Sechs Wochen Kur in Westerland auf Sylt in der DAK Einrichtung Haus Quickborn Ende März bis Anfang Mai 1969. Ich war gerade in die Schule gekommen und
habe Postkarten an meine Familie schreiben können, zwei sind mir davon erhalten geblieben. Ich schrieb, dass ich mit Ellen und Antje ein Zimmer teile, ich habe keine Erinnerung an die beiden: Ich war acht Jahre alt und lebte damals mit meinen Eltern und drei Geschwistern in einer Kleinstadt zwischen Ruhrpott und Sauerland.
Die bestellten, gestickten Wäscheetiketten wurden in sämtliche Kleidungsstücke und Gegenstände eingenäht, von meiner Mutter und von mir, das war besonders und ein wenig aufregend.
Von der Fahrt zum Kurort finde ich nur wage Bilder in mir, ein Prozess der Entfernung, angespannte Konzentration auf eine Entfernung von zu Hause und noch mehr Entfernung.
Was ich von der Kurzeit im Haus Quickborn erinnere, sind folgende Szenen:
Das Essen – Haferflocken mit Kakao – unauffällig zu essen habe ich noch geschafft. Ich begegnete einer fremden, süßen Ernährung, an die ich nicht gewöhnt war, die ich als falsch empfand und nicht mochte. In der zweiten Erinnerung sitze ich vor einem Teller festem Milchreis mit integriertem Kompott. Die anderen Kinder waren schon gegangen. Ich musste sitzen bleiben und den Teller leer essen – Löffel für Löffel, stundenlang, die Pausen wurden länger, die ich brauchte, um Übelkeit und Geschmack loszuwerden. Ab und zu schaut eine der Betreuerinnen herein. Ich meine es geschafft zu haben, kann mich aber nicht erinnern herausgegangen zu sein oder irgendwo angekommen zu sein.
Eine weitere deutliche Erinnerung ist eine gemeinsame Bastelzeit im Essraum. Ich hatte Freude daran, Papier, Schere, Kleber lagen auf den Tischen. Parallel wurden von zwei Betreuerinnen die Fingernägel geschnitten. Mir schien, dass sie erhöht saßen. Als ich an der Reihe war, wurde festgestellt, das meine Nägel schon kurz waren, ich hatte sie mir selber geschnitten, mit der
Bastelschere oder evtl. auch mit einer Nagelschere, das Etui mit dem Wäscheetikett habe ich auf jeden Fall immer noch. Die Betreuerinnen haben mir vorgeworfen meine Nägel abgekaut zu haben, ich erklärte mich. Sie glaubten mir nicht, sie wiederholten den Vorwurf, verächtlich. Sie sprachen weiter, aber nicht mit mir, sondern über mich. Ich bin wieder heruntergekommen zu meinem Sitzplatz, im Rücken eine Feindseligkeit, aber ich wusste, dass ich mir die Nägel selber geschnitten hatte.
Das ist die Erinnerung, die mir lange gereicht hat, ich selbst geblieben zu sein. Erst mit der stärker werdenden öffentlichen Aussprachen und Diskussionen zu den Kinderverschickungen habe ich angefangen meine Einordnung zu hinterfragen, wenn ich doch so wenig Erinnerungen habe von der langen Zeit im Haus Quickborn, kein einziges Gesicht sehen kann weder von Kindern noch von den Betreuerinnen.
Bis auf ein Gesicht, das Mädchen mit dem dunklem Pagenkopf, am Tisch an dem wir gegessen
haben, vielleicht an dem schmachvollen Basteltag oder während der Essenszeit. Ich habe Angst in Ihren Augen gesehen. Bisher dachte ich, es wäre Ihre Angst gewesen. Aber vielleicht war es auch meine, gespiegelt in ihrem Mitgefühl. Wir habe nicht miteinander gesprochen, die Angst, so erinnere ich die Empfindung, lag hinter ihr.
Schemenhaft sehe ich mich vor dem Kinderheim, in einer farblosen Wiese, Strandhafer, ein einzelnes Kind unter vielen anderen, ohne Kontakt, ohne ein einziges Bild von den anderen.
Ich erinnere diffuse, weit entfernt aus etwas Schlaf ähnlichem wacht geworden zu sein, im Bett liegend, Menschen, Männer- wie Frauenstimmen um mich herum, schwaches Licht im Dunklen und ich bekam ein Zäpfchen. Ich glaube ich habe häufiger Medikamente in dieser Form bekommen.
Ich erinnere mich nur ein einziges Mal am Strand gewesen zu sein, der Sand fiel leicht ab zum Spülsaum, von dem wir Abstand halten mussten. Es war ein stiller Tag, wenig Wellengang und in meinen Ohren die Freude der anderen Kinder um mich herum. Die Sicht über das Wasser hat mich aus meiner Situation herausgebracht, ich kannte das Meer und ich habe eine intensive Verbindung zu meinen Eltern, meiner Familie gefühlt. Wie gerne hätte ich ihnen davon erzählt oder geschrieben.
Ich lag in einem Bett, neben vielen anderen leeren Betten, tagelang mit dem Buch ‚Was Männer gerne mögen‘, abgeschieden hinter einem hellen Vorhang, der Raum war voller Tageslicht, ich war dort allein, unbelästigt und ernährt vom Herzhaften aus den Bildern des Kochbuchs. Bei meiner Recherche heute wird es wohl das Buch ‚Was Männer gerne essen‘ gewesen sein.
Ich habe keine Bilder von der Rückkehr, der Ankunft und dem Wiedersehen.
Das Leben zu Hause setzte sich fort. Das einzige erinnerte Erlebnis, dass ich zeitlich schon immer nach der Kur einordnen konnte, war eine Begegnung auf dem Weg zum Einkauf. Beim Besuch der Bank trafen meine Mutter und ich auf eine Bekannte, die mit Blick auf mich im Lauf des Gespräches meine Mutter fragte, ob ich denn zunehmen sollte? Das hat mich überrascht. In der Erinnerung hat sich das immer angefühlt, als hätte sie damit die Kur in Frage gestellt. Meiner Mutter war das unangenehm.
Zwei Trauma-Reinszenierungen, ein Phänomen bzw. eine Definition wie ich heute durch die Beschäftigung mit dem Thema weiß, aber auch immer schon erinnert habe, konnte ich zeitlich der Kur zuordnen. Bei einer der Handlungen – ich habe mir mit Fremdkörpern Zäpfchen verabreicht, nachts im Zimmer, das ich mit meinem Bruder teilte, rief ich meine Eltern – ein Stockwerk tiefer zur Hilfe. Sie haben mir geholfen und ich kann mich nicht erinnern diese Handlung wiederholt zu haben. In dem eigenen Zimmer, dass ich zu dem nachfolgenden Weihnachten bekommen hatte, im unteren Geschoss unserer Wohnung, in dem meine Eltern schliefen, erinnere ich die zweite Zwangshandlung sehr lange wiederholt zu haben, ich habe mich selbst geschlagen. In diesem Zimmer hatte ich auch wiederholt schwere Bronchitis, mit Fieber und ich erinnere mich, dass Raum und Menschen weit von mir entfernt waren. Ich hatte auch eine Allergie auf Penicillin entwickelt und als meine Eltern mir zum ersten Mal Globuli geben wollten, hatte ich panische Angst, vergiftet zu werden.
In der Grundschulzeit wurde bei mir eine Rechtschreibschwäche festgestellt, die ich bisher auf den Schul- und Methodenwechsel durch die Schulreform 1968 in NRW zurückgeführt hatte, die aber evtl. auch durch die Erlebnisse in der Kur ausgelöst oder verstärkt worden waren.
In der Zeit meiner Kindheit bis zur frühen Pubertät erinnere ich zwei Träume, die sich häufig wiederholt haben: Über meinem Gesicht, meiner Nase, meinem Mund lag ein blasenbildender im Rhythmus des Atems aufplatzender Hefeteig. Ein panischer Traum, von dem ich lange Zeit glaubte, er rührte von einen mir erzählten frühen Erlebnis im Kinderwagen her. Meine Mutter hatte Erbrochenes und einen Flugsamen der Linde im Kinderwagen bemerkt, aber zum Glück hatte ich mir seinerzeit wohl selbst helfen können und schlief friedlich.
Der zweite Traum handelte wiederkehrend von Flucht. Ich rannte, kletterte, raste Treppen hoch, in Riesenräumen, immer beängstigender, immer höher und höher, und wachte auf vor dem Absturz oder vielleicht auch der Realisierung und Vergeblichkeit.
Ich habe mehr Erinnerungen an die Zeit danach, meine Eltern müssen meine Veränderungen bemerkt haben. Ich konnte ihnen im Großen und Ganzen vertrauen, so interpretiere das heute und fühle es auch so. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich nach der Zeit in der Kur gefragt haben oder ich davon erzählt habe. Ich bin ein zweites Mal in eine Kinderkur geschickt worden, in den Schwarzwald. Einsam war ich, habe mich nach Kindern/Menschen gesehnt und habe mich herausgehalten insbesondere auch aus dem – aus heutiger Sicht fragwürdigen Spiel rund um das Flaschendrehen, den Zungenküssen, den Hochzeiten und konnte das auch. Ganz anders als in Sylt waren die Betreuer:innen jung, offen, in Alltagskleidung. Ich hatte weniger Angst und habe – so zweifelhaft/fragwürdig wie oft im Leben danach – durchgehalten.
Nun habe ich aufgeschrieben, was ich erinnere, es ist nichts hinzugekommen, aber ich konnte ein gewisse Einordnung vornehmen, die Unschärfe ist deutlich geworden, es hat mich traurig gemacht.
Meine Schwester hat noch eine Erinnerung für mich beitragen. Mein Vater hat damals zurzeit meiner Kur erzählt, ich hätte angerufen und ihn angefleht Essen zu schicken oder Geld, damit ich mir etwas kaufen könnte.
Die DAK konnte mir nicht weiterhelfen bei meinem Gesuch auf Akteneinsicht, da die Akten nur sechs oder zwölf Jahre aufgehoben werden dürfen.
Ich wünsche mir, anderen Menschen zu begegnen die im Haus Quickborn waren, in dem Zeitraum oder vielleicht auch zur gleichen Zeit. Würde gerne Fotos sehen, Erinnerungen austauschen, zwischen uns Kindern und über die uns betreuenden Menschen, die Personen, die ich nicht Tanten nennen möchte, die Heimleitung, den betreuenden Arzt. Vielleicht gibt es inzwischen auch Kontakt zu Nachbarn des ehemaligen Kinderkurheims Haus Quickborn oder Aktenfund zum Haus und Betrieb vor dem Abriss.
Hamburg, 22.09.2026
Anonymisierungs-ID: bbh