22459 Niendorf, 1962

Kaltherzige Nonnen

Von: S.B.-T.

Meine Erfahrungen als Verschickungskind.

Ich war fünfeinhalb Jahre alt, als ich im November 1962, also bis kurz vor Weihnachten, von Bielefeld für sechs Wochen zur „Kur“ nach Niendorf verschickt wurde. Ich habe diese Zeit in dem von katholischen Nonnen geführten Haus in schlimmer Erinnerung: Gefühlt konnte ich sechs Wochen lang vor Heimweh nicht schlafen. Das Sich nicht im Bett rühren und keinen Mucks von sich geben dürfen, auch wenn ich eigentlich vor großem Heimweh-Schmerz hätte weinen müssen, hat sich mir tief eingeprägt. Unsere Gruppe wurde von zwei kaltherzigen, lieblosen „Tanten“ betreut, die jegliche kindliche Spontaneität, Fantasie, Kreativität und Freude im Keim unterdrückten. Als ich einmal mit ein paar anderen Mädchen während der Mittagspause beim phantasievollen, lebendigen, aber völlig harmlosen Spielen „erwischt“ wurde, wurde uns sofort unmissverständlich klar gemacht, dass so ein ungehöriges Verhalten nicht geduldet würde. Diese Reaktion und Androhung genügten, um uns einzuschüchtern und zukünftig „auf Kurs“ zu bringen. Wir hatten unsere Lektion gelernt: Gehorsam sein und Sich anpassen waren gefordert. Unangepasstes Verhalten wurde rigide bestraft. Miterlebt habe ich, wie ein Junge, der im Speisesaal neben mir saß, gezwungen wurde, sein Erbrochenes wieder aufzuessen.

Meine Erinnerungen an konkrete Ereignisse sind verblasst. Deutlich in Erinnerung aber ist mir das umfassende Klima der und der absoluten Angst, der menschlichen Kälte Freudlosigkeit. Und das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit.

Anonymisierungs-ID: bbj

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