Von: A.W.
Ich, heute 77 Jahre alt, bin 1961 oder 1962 von der Stadt Gelsenkirchen zur Kinderverschickung ins damalige Jugendheim St. Michael in Bühl am Alpsee verschickt worden.
Der 6-wöchige Aufenthalt dort im Winter bei meterhohem Schnee war die Hölle für mich. Wir durften keine Briefe nach Hause schicken, ohne dass die beiden „Gouvernanten“ (In besonderer Erinnerung ist mir „Fräulein E.“ geblieben) sie zuvor gelesen hatten. Und selbst, wenn wir durch die meterhohen Schneeschluchten spazieren gingen, wurden wir unentwegt beobachtet, damit wir nicht heimlich Post in den Briefkasten werfen konnten. Der Morgen begann stets damit, dass man sich nackt ausziehen und unter den strengen Augen der Erzieherinnen mit eiskaltem Wasser waschen musste. Das anschließende Frühstück war dann der einzige Lichtblick des Tages: Eine kleine Schnitte Brot mit etwas Marmelade. Wer nach mehr verlangte, bekam eine knochenharte Schnitte nur mit Margarine. Das Mittagessen hingegen war der Horror: Fettes Fleisch, trockene Kartoffeln und Sauerkraut mit Kümmel, was ich überhaupt nicht mochte. Fräulein E. saß vor Kopf, stets darüber wachend, dass wir auch alles aufaßen. Mit viel Glück konnte man in einem unbeobachteten Moment die Gelegenheit nutzen, dass Essen auf ein Taschentuch im Schoß zu spucken und anschließend heimlich in der Toilette zu entsorgen. Mittags musste man Mittagschlaf machen, bei geöffneter Tür und mit dem Gesicht zur Wand, während Fräulein E. mit einem Billigroman den Flur auf und ab lief. Einmal schrie sie mich an, ich sei scheinheilig, als sie bemerkt hatte, dass ich den Kopf etwas gedreht hatte. Ich wusste nicht einmal, was mit „scheinheilig“ gemeint war!
Ein besonderes „Event“ war die nächtliche Geisterstunde. Alle Kinder setzten sich in einen Kreis, das Licht wurde ausgemacht und ein kleiner Eimer wurde herumgereicht. Jeder sollte einmal hineinfassen. Es gab ein großes Geschrei, denn man hatte rohe Leber hineingelegt. Statt uns belustigt zu fühlen, waren wir verängstigt, wenn nicht gar verstört.
Der einzige Halt für mich war ein Mädchen namens M.P., die aus Duisburg kam und mit der ich mich dort angefreundet hatte. Nach zwei gemeinsamen Wochen musste sie jedoch frühzeitig abreisen, da sie die Nachricht erhalten hatte, dass ihr Vater einen Unfall mit einer Straßenbahn erlitten hatte. Ohne sie zurückbleiben zu müssen, war wirklich furchtbar für mich! Bei einem späteren Briefwechsel stellte sich dann auch noch traurigerweise heraus, dass dieser an den Folgen verstorben war.
Die ganzen Wochen hindurch hatte ich schreckliches Heimweh. Glücklicherweise hat mir meine Mutter täglich (!) eine Karte geschickt, welche ich bis heute aufbewahrt habe.
Ich denke heute noch mit Schrecken an diese fürchterliche Zeit.
Anonymisierungs-ID: bbp