"Noch nie sind in Bad Sassendorf zu einer Ausstellungseröffnung des Museums so viele Besucher gekommen."
Jeanette Metz, Museumsleiterin der Westfälischen Salzwelten
Mit diesem Satz eröffnete Museumsleiterin Jeannette Metz am 18. Juli 2026 die Sonderausstellung „Ein Koffer voller Heimweh – Kinderkuren in Bad Sassendorf“ in dem Museum Westfälische Salzwelten.
Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist das Fotoprojekt „In fremde Hände“ des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW. Das künstlerische Erinnerungsprojekt hat in Bad Sassendorf Premiere.
Es verbindet aktuelle Porträts ehemaliger Verschickungskinder mit persönlichen Erinnerungsstücken aus ihrer Kinderkur. So wird sichtbar: Die Erlebnisse von damals sind für viele Betroffene nicht Vergangenheit. Sie prägen ihr Leben bis heute.
Fotos: D. Lichtrauter + M. Stricker
Die Gesichter bewahren Erinnerungen, die in keinem Archiv zu finden sind
Als sich der Fotograf Max Brugger im vergangenen Herbst auf Anfrage des Vereins AKV-NRW erstmals mit dem Thema Kinderverschickungen beschäftigte, war er entsetzt:
„Wie krass – wie kann das sein, dass Kinder, die eigentlich die Schutzbedürftigsten überhaupt sind, unter dem Deckmantel der Heilung und des Schutzes in eine Kur kommen und alles andere als das erfahren, was sie eigentlich erfahren sollten?“
Über Jahrzehnte prägte in Bad Sassendorf ein ganz anderes Bild die Erinnerung an die Kinderkuren.
"Viele Jahre gab es in Bad Sassendorf mehr Kinder als Erwachsene. Lange habe sich Bad Sassendorf als ein Ort gesehen, der Kinder heilte von Krankheiten wie Rachitis, Scrophulose und Bronchitis. Eine Geschichte, die man gerne teilt. Aber auch eine Geschichte, die nur ein Narrativ abbildet: Das des stolzen Kurortes."
Jeanette Metz, Museumsleiterin der Westfälischen Salzwelten
Doch das Leid vieler Kinder hatte lange keinen Platz in der öffentlichen Erinnerung. Erst durch Betroffene und Forschungen der Universität Münster im Jahr 2017 wurden die Erfahrungen vieler ehemaliger Verschickungskinder in Bad Sassendorf wissenschaftlich sichtbar. Es wurde klar: Bad Sassendorf ist auch ein Ort von Gewalt und Missbrauch.
Ein erster bedeutender Schritt der Aufarbeitung war 2024 das Denkmal „Wundmal“. Mit der neuen Sonderausstellung rücken die Erfahrungen der Betroffenen nun noch stärker in den Mittelpunkt.
So wird Aufarbeitung in der Ausstellung erlebbar
Foto (li.): D. Lichtrauter, Foto (re.): R. Stricker
Historische Exponate stehen neben persönlichen Erinnerungsstücken. Wissenschaftliche Forschung trifft auf Zeitzeugenberichte. Die Kunstwerke von „In fremde Hände“ machen deutlich: Diese Geschichte ist keine Vergangenheit – sie lebt in den Menschen weiter.
Wie nah die Vergangenheit bis heute ist, zeigt sich auch beim anschließenden Rundgang durch die Ausstellung.
Unter den Gästen war zufällig eine Besucherin, die als Kind selbst nach Bad Sassendorf verschickt worden war. Ausgerechnet für eine Kur kehrte sie nun – mehr als fünfzig Jahre später – an diesen Ort zurück. Über das Erlebte hatte sie jahrzehntelang geschwiegen. Als viereinhalbjähriges Kind erlebte sie in einer Bad Sassendorfer Kureinrichtung sexualisierte Gewalt durch einen Arzt. „An einen Satz erinnere ich mich bis heute: Du darfst nicht darüber reden, sonst kommst Du nie wieder nach Hause.“ Erst wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung hatte sie ihrem Ehemann in Bad Sassendorf zum ersten Mal davon erzählt. „Nach der Kinderkur habe ich mich niemals mehr geliebt gefühlt. Das Gefühl nimmst Du überall mit: in die Ehe, zu den Kindern – einfach dein ganzes Leben lang.“
Sie ist nicht die Einzige, die während ihrer Verschickung schlimmste Gewalt erleben musste. Auch diese Geschichten gehören zur Geschichte der Kinderverschickungen – und dürfen nicht länger unsichtbar bleiben.
Foto: D. Lichtrauter
Die Sonderausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Münster. Studierende entwickelten den historischen Ausstellungsteil und setzten sich dabei intensiv mit der Geschichte der Kinderkuren in Bad Sassendorf auseinander.
„Die Perspektive, dass Kinderkurmaßnahmen lange Zeit wesentlich positiv oder oberflächlich gesehen wurden, das finden wir auch in der Wissenschaft in ähnlicher Form“, erklärt Historikerin Dr. Lena Krull vom Historischen Seminar der Universität Münster.
Den entscheidenden Perspektivwechsel hätten vor allem die Betroffenen selbst angestoßen, betont Dr. Lena Krull. Während die Forschung lange vor allem Institutionen und Kurorte untersucht habe, gehe es heute auch um Machtverhältnisse, Vernachlässigung und Gewalt in den Einrichtungen.
Für die Universität sei die Zusammenarbeit deshalb weit mehr als ein Forschungsprojekt. Sie ermögliche den Studierenden, Geschichte als gesellschaftlich relevante Praxis zu erleben. Wie nah das Thema bis heute ist, habe sich auch im Seminar gezeigt: In nahezu jeder Studierendengruppe habe es mindestens eine Person gegeben, in deren Umfeld Kinderverschickungen eine Rolle spielten.
Interaktive Karte der Kinderkurheime in Bad Sassendorf
In der Ausstellung ist auch eine interaktive Karte zu sehen, die in Kooperation mit dem Institut für vergleichende Städtegeschichte entstanden ist. Online zu finden hier.
Dr. Lena Krull: „Diese Karte mit der Zahl an Einrichtungen zeigt auch, wie wichtig die Stellung von Bad Sassendorf mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland ist. Es gibt in der groß angelegte Studie von Professor Alexander Nützenadel eine Rangliste, welche Orte in der Bundesrepublik die meisten Heime aufweisen konnte. Da ist Bad Sassendorf auch vertreten auf Platz 9 mit 15 Heimen. Wir haben jetzt sogar 34 Einrichtungen recherchiert.“
Zum Abschluss seiner Ansprache richtete Detlef Lichtrauter den Blick auf diejenigen, ohne die das Fotoprojekt nicht möglich gewesen wäre: die Betroffenen selbst.
„Das alles funktioniert nur, weil es Betroffene gibt, die bereit sind, sich diesem Thema zu stellen. Sie haben sich nicht nur für die Fotografien zur Verfügung gestellt, sondern sich gemeinsam mit Michaela und Max Brugger noch einmal intensiv mit ihrer eigenen Geschichte auseinandergesetzt. Das ist nicht selbstverständlich. Ich freue mich sehr, dass viele von euch heute hier sind.“
Detlef Lichtrauter, Vorsitzender AKV-NRW
Noch lange nicht am Ende
„Aufarbeitung ist nicht innerhalb von fünf oder sechs Jahren abgeschlossen. Dabei sind ausdrücklich nicht die Verantwortlichen der Gemeinde gemeint. Aber solange es in diesem Ort ein Privatarchiv mit umfangreichem Archivmaterial zu Kinderverschickungen gibt, in dem sich auch personenbezogene Akten der Betroffenen befinden, das jedoch nicht geöffnet wird, werden wir keine Ruhe geben.“
Ich wünsche mir, dass wir lange noch weiter zusammenarbeiten, denn das Projekt ist noch lange nicht am Ende, also ich habe eine ganz lange Liste von Betroffenen, die ich noch treffen werde. Das Projekt wird noch größer, es wird noch viel mehr Portraits geben und wir gehen damit raus in die Welt und den Leuten zeigen, wie wichtig es ist, in die Geschichte zu schauen.
Fotograf Max Brugger
„Max Brugger hat das Fotoprojekt sehr gut in eure Aufarbeitungsarbeit umgesetzt; die Ausstellung in Bad Sassendorf macht hoffentlich auch noch viele Nichtbetroffene betroffen!“
Zitat einer Betroffener nach der Eröffnung
Schaut vorbei – und erzählt davon weiter
Jeder Besuch hilft dabei, die Geschichten der Betroffenen sichtbar zu machen.
Ausstellungszeitraum: bis 22. November 2026
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 10:00–17:00 Uhr, Samstag und Sonntag: 10:00–18:00 Uhr, Montag: Ruhetag
Ausstellungsort: Westfälische Salzwelten, An der Rosenau 2,59505 Bad Sassendorf
Das erwartet Euch:
Ein Bericht von: Michaela Stricker