Was verbindet dich mit Norderney?

Gespräche während einer Teezeremonie

 

Diesen persönlichen Bericht hat uns eine Frau zugesandt, die wir mit ihrem Einverständnis anonym veröffentlichen. Darin schildert sie, wie sie bei einer ostfriesischen Teezeremonie auf Norderney von den belastenden Verschickungserfahrungen ihrer Kindheitsfreundin erzählte und welche Reaktionen ihre Schilderungen bei den anderen Gästen auslösten.

Im September 2026 begleite ich eine Reisegruppe auf die Insel Norderney, ein beliebtes Urlaubsziel. Die Wege sind kurz. Das Meer und der Strand sorgen für Entspannung und gute Luft, die Stadt, das Conversationshaus und die Inselkirchen bieten anregende Unterhaltung. An einem Nachmittag wird eine ostfriesische Teezeremonie im Gemeindehaus angeboten, ein Beisammensein mit Norderneyern und Touristen. Eine schöne Idee. Wir schließen uns der Runde an. Eine Dame erklärt im Norderneyer Platt, wie der Tee zubereitet und getrunken wird. Ihre Nachbarin übersetzt ins Hochdeutsche. Wir genießen den Tee und werden vom Pastor ermuntert, reihum zu erzählen, was uns nach Norderney geführt hat, warum wir hier Urlaub machen, möglicherweise immer wieder kommen. An die Norderneyer gewandt, warum sie hier immer noch leben oder sogar wieder gekommen sind.

 

Kurzum: Was verbindet uns mit Norderney?

Es ist interessant, gerade denen zuzuhören, die hier aufgewachsen sind, zwischenzeitlich auf dem Festland lebten und zurückgekommen sind, mit den Veränderungen leben, die unweigerlich auf der Insel geschehen. Sandverluste und Aufspülungen, über 3 Mio. Übernachtungen jährlich im Vergleich zu etwas über 8000 Einwohnern. Die Hochhäuser am Weststrand werden ins Inselbild integriert. Inhabergeführte Geschäfte gibt es nur noch wenige. Die Kirchengemeinden zählen auch hier jährlich weniger Mitglieder, aber die Touristen füllen die Kirchen. Die Insel ist schön, trotz allem und bei jedem Wetter als Urlaubsziel beliebt. Viele Touristen kommen immer wieder.

 

Jetzt bin ich an der Reihe. Was verbindet mich mit Norderney? Ich erzähle wahrheitsgetreu, dass ich sehr lange nie nach Norderney gefahren bin.

 

Als Kind dachte ich gar, es wäre ein Ort mitten in der Nordsee, an dem Kinder gequält werden. Den Satz sage ich nicht. Ich war nie dort, mir ist nichts passiert, aber ich habe eine Erinnerungsszene aus meiner Kindheit gespeichert.

 

Der weiße VW Käfer der Eltern meiner Freundin, der in unsere Straße einbiegt, meine Freundin auf dem Schoß ihrer Mutter auf dem Beifahrersitz. Sie trägt eine Pudelmütze. Endlich ist sie wieder da. Wir sind noch nicht in der Schule, und ich habe mich wochenlang gelangweilt ohne sie. Sie musste nach Norderney wegen der guten Luft und um besser zu essen. Eine Kinderkur. Endlich vorbei. Ich möchte sofort zu ihr. Aber meine Mutter sagt: Heute noch nicht. Vielleicht kannst du sie morgen sehen.

 

Ich erzähle mehr als 60 Jahre später im Gemeindehaus auf Norderney, dass mir meine Freundin damals schlimme Dinge von ihrem Aufenthalt erzählt hat. Sie war ein Verschickungskind. Schicksale vieler, die sich mittlerweile bundesweit zu Initiativgruppen zusammenfinden, um die Zeit aufzuarbeiten und öffentlich zu machen. Seit kurzem komme ich gerne auf die Insel, aber lange Zeit hatte ich die Erzählungen unweigerlich mit dieser Insel verknüpft.

 

Kurze Stille. Ich habe die Harmonie zerstört, kein gutes Gefühl.

Ein Herr lehnt sich vor und fragt sehr deutlich: Was genau ist passiert?

Ich sage: Die Kinder sind dort misshandelt worden.

Inwiefern?

Sie mussten solche Mengen essen, dass sich viele Kinder noch am Tisch erbrochen haben. Anschließend wurden sie genötigt, dass Erbrochene zu essen.

Das war aber nicht in allen Häusern so, sagt eine Frau.

 

Nein, natürlich nicht. Aber meine Freundin war in so einem Haus.

Als Kind glaubt man seinen engsten Vertrauten. Ohnehin erscheint die Welt mit all ihren Facetten einem Vorschulkind sehr magisch. Es ist so wenig zu beeinflussen und alles Mögliche kann passieren. Das eigene Erbrochene wieder essen. Das hatten die Diakonissinnen dort verlangt. Ich erzählte es meiner Mutter. Sie sagte sehr leise: Das gibt’ s doch wohl nicht. Ihr Tonfall verriet mir, dass sie die Tatsache an sich nicht anzweifelte. Etwas später erzählte meine Mutter mir eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit. Nach der Flucht aus Ostpreußen wurde sie getrennt von ihrer Familie auf einem Bauernhof untergebracht. Als 13- Jährige sollte sie tüchtig mitarbeiten. Noch geschwächt von all den Torturen und traumatischen Erlebnissen wollte die Bäuerin sie aufpäppeln, man könnte auch sagen mästen. Jeden Morgen stand sie vor meiner Mutter und zwang ihr einen Brei auf, den sie nur unter Würgen herunterbekam.

 

Das war nicht in allen Häusern so, und wie wir wissen, auch nicht nur auf Norderney, stimme ich zu.

Wo war Ihre Freundin?

Im Seehospitz.

Ja, ich erinnere mich, sagt jemand anders. Ich bin neben diesem Haus aufgewachsen. Wir durften nicht mit den Kindern sprechen. Wenn wir am Zaun waren und die Diakonissinnen sahen, dann sind wir gerannt!

 

Die Runde geht weiter. Ein Herr fragt, warum auf Norderney keine Elektrobusse fahren. Es wird erklärt, dass der Untergrund der Insel für schwere Fahrzeuge mit erhöhtem Batterie-Gewicht  nicht geeignet sei.

 

Am Ende der Runde kommt eine Frau nochmal auf die Kinderkurheime zu sprechen. Sie sagt, dass sie als Kind in den 60er Jahren ebenfalls auf Norderney zur Kur war, aber derart schlechte Erfahrungen nicht gemacht hat. Außer im Krankheitsfall, dann wurde man natürlich mit Essen und Medizin versorgt, aber ansonsten kümmerte sich niemand.

 

Der Pastor beendet die Gesprächsrunde mit einem gemeinsam gesprochenen Vaterunser.

Ich hätte mir gewünscht, dass das Gesagte noch einmal kurz zusammengefasst wird, irgendetwas aufgegriffen oder weitere Gespräche zu dem Thema Kinderverschickungen in Aussicht gestellt würden, ein abrundendes Wort darüber, dass auch dieses Thema in der gemütlichen Teerunde einen Platz hat. Es ist ja ein Gespräch in der Runde entstanden. Ein Zeichen in meine Richtung, dass mein Beitrag okay war, bleibt für mich aus.

 

Beim Hinausgehen spricht mich eine Frau an. Wann war das, in den 60er Jahren? Das ist doch nicht zu fassen. Mein Mann war direkt nach dem Krieg in so einem Haus an einem anderen Ort und hat von ähnlichen Methoden erzählt. Ich hätte nicht gedacht, dass das in den 60er Jahren noch möglich war.

Und die Sache mit dem zwanghaften Essen war, ja wie wir wissen nur eine von vielen Qualen, erwidere ich.

 

Ich sehe, das Thema ist bei vielen Menschen, auch bei denen, die es nicht selber miterlebt haben, aber deren Angehörige und Freunde es erleben mussten.

 

So habe auch ich erfahren, dass es nach wie vor Ehrungen für Mitwirkende aus diesen Häusern gibt, die es nicht verdient haben. Zu Unrecht verliehene Denkmäler abbauen und die Aufarbeitung öffentlich sichtbar anerkennen sind Forderungen von Betroffenen-Initiativen. Manche Orte haben bereits Gedenktafeln aufgestellt, indem sie die Opfer um Verzeihung bitten.

Auf Norderney gibt es, soviel ich weiß, noch keine Gedenkstele.

 

Bei dem Stichwort Kinderkur stoße ich auf ein sehr nettes modernes Projekt, etwas ganz anderes; die Wahl eines Kindes zur Kinderkurdirektor*in auf Norderney. Ein gedanklicher Bogen zum Wort Kinderkur, den ich dabei von der Historie zur Gegenwart spanne.

 

Aus einer Pressemitteilung des Staatsbads Norderney:

Die einzige Insel, auf der auch die Kinder das Sagen haben! Seit 2011 wird auf Norderney jedes Jahr ein ganz besonderes Inselkind gewählt: die Kinderkurdirektorin oder der Kinderkurdirektor —

kurz: KIKU genannt… Ausgestattet mit etwas Geld können sie Projekte und Aktionen für interessante Inseltage umsetzen.

 

 

Verfasst von: Name der Redaktion bekannt
Redaktion: Michaela Stricker

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