Sabine Ludwig: Schwarze Häuser

Schwarze Häuser Von Sabine Ludwig

Dressler Verlag, Hamburg 2022. 346 Seiten. Preis 10 Euro

ISBN: 978-3-7915-1204-4

Die 1954 geborene bekannte Kinderbuchautorin Sabine Ludwig wurde Mitte der 1960er Jahre in ein „Kinderheim“ auf eine Nordseeinsel „verschickt“. Aus diesem Grunde ist das „Kinderkurheim“ Kiebitz auf Borkum der Hauptort der Handlung dieses Romans für Kinder. In der Einrichtung erlebte die Hauptperson, die zwölfjährige Uli, alle Grausamkeiten, die auch aus anderen Berichten über „Verschickung“ bekannt geworden sind: Demütigungen und entwürdigendes Verhalten der unfähigen und manchmal betrunkenen „Erzieherinnen“, Briefzensur, Wegnahme persönlicher Gegenstände, gewaltsames Füttern und Zwang, das Erbrochene auszuessen. Doch etwas war anders: Denn dieses Buch wurde als Kinderbuch geschrieben. Es entwickelte sich eine eigene Kultur der Kinder gegen die Gewalt des Heimes. Da gab es Protest und Sabotage. Und dann auch einen lebensgefährlichen Fluchtversuch im Wattenmeer. Die Rettung kam in letzter Minute. Anders als leider oft in der Wirklichkeit, kamen die, von den Gewalttaten ahnungslosen Eltern, als Helfer und holten die Kinder nach Hause. Ein spannendes Kinderbuch, welches sich auch zum Vorlesen eignet.

Anja Röhl: Heimweh

Heimweh - Verschickungskinder erzählen Von Anja Röhl

Verschickungskinder erzählen

Psychosozial-Verlag, Gießen 2021, 228 Seiten, Preis: 25 Euro.

ISBN: 978-3-8379-3117-4

In ihrem zweiten Buch über die Verschickungskinder gibt Anja Röhl den Lesern Einblicke in das Schicksal von 23 Menschen, die als Kinder Opfer der deutschen Jugend-, Schul- und Gesundheitsbehörden geworden waren. Die Schilderungen ähneln sich so sehr und gleichen auch den Beschreibungen in anderen Publikationen, dass man meinen könnte, es handelte sich um ein einheitliches Konzept. Nein, das war nicht so. Die vielen Heime und ihre Träger hatten eigentlich nichts miteinander zu tun: Oder doch? Das was dort geschah, war Folge der „Schwarzen Pädagogik“, der Ausbildung, Haltung und Praxis von Ärzten und Aufpasserinnen, die vorwiegend aus der Nazi-Zeit stammten und etwa bis 1990 wirken konnten.

Regina Konstantinidis: Verschickt – Verdrängt – Vergessen

Verschickt - verdrängt - vergessen Ein persönlicher Erfahrungsbericht des Verschickungskindes Regina Baumann

Ein persönlicher Erfahrungsbericht des Verschickungskindes Regina Baumann

BoD – Books on Demand. Norderstedt 2021, etwa 130 Seiten.   Preis: 10 Euro

ISBN: 978-3-755-70065-4

Auf den ersten dreißig Seiten wird von Familie, Kindergarten und Schule eines Mädchens berichtet. Die Familie lebte am Stadtrand von Essen. Die alleinerziehende Mutter war mit den vier kleinen Kindern überfordert. Allerdings erfuhr das Mädchen körperliche Gewalt erstmals durch einen katholischen Kaplan in der Schule. Anfang der 1970er Jahre wurde das Kind im Alter von sechs oder sieben Jahren für sechs Wochen in das „Haus Ruhreck“ auf der Insel Borkum „verschickt“.

Udo Evers: Verschickungskind

Verschickungskind - Ein Rinnsal in den Hinterhalt Udo Evers

Ein Rinnsal in den Hinterhalt

Laumann-Verlag, Dülmen, 2022, 68 Seiten, Preis: 10 Euro

ISBN: 978-3-89960-497-9

Einem fünfjährigen Jungen wird vorgegaukelt, dass es zu einem Ausflug gehe. Doch er verschwand für Wochen in einem „Kindersanatorium“ namens „Villa Sommerberg“ des Mineral- und Moorbades Rippoldsau im Schwarzwald (S. 61). Danach ging es ihm wie Millionen von anderen Kindern: „Die Bastion der Eltern als Vertrauensgaranten war nun endgültig in sich zusammengefallen“ (S. 21). Er trifft im Heim auf eine Hierarchie älterer und gewaltbereiter Jungen und erlebt Todesangst. Schuld und Scham waren die vorherrschenden Gefühle bei ihm. Bis ins Erwachsenenalter hat er Schwierigkeiten, sich an andere Menschen zu binden. Als er 2020 in einer TV-Sendung des ZDF von den „Kinderverschickungen“ erfährt, erlebt er, dass er nicht alleine ist. Ihm wurde klar, dass er Opfer eines für einen Fünfjährigen unbekannten Systems geworden war.

Anton Ottmann: Gewitternächte in Nickersberg

Gewitternächte in Nickersberg Ottmann Das „Kinderkurheim“ des Dr. Bartsch – Eine Dokumentation

Das „Kinderkurheim“ des Dr. Bartsch. Eine Dokumentation

Lindemanns-Verlag, Bretten, 2021, 78 Seiten, Preis: 12 Euro.

ISBN:978-3-96308-138-5

(Auch im Internet)

Der Verfasser dieser kleinen Schrift war Lehrer und ist Autor verschiedener Publikationen. Er erinnerte sich an seinen Aufenthalt als Zehnjähriger im Kinderkurheim Nickersberg bei Bühl im Schwarzwald. Geleitet wurde diese Einrichtung vom Ehepaar Elisabeth und Dr. Paul Bartsch (1873-1977). Einige 10.000 Kinder sollen das Haus in den 13 Jahren der Leitungstätigkeit des Ehepaares „An Leib und Seele gestärkt“ verlassen haben – so damals die regionale Presse (S. 17). Sieht man sich einige Kurzbiographien von Kindern an, so wird deutlich, dass die Wirklichkeit anders aussah. Im Buch wird einiges zur Geschichte dieses Heimes dargestellt. Einen größeren Teil der Publikation nimmt die Gegenüberstellung des tatsächlichen und erfundenen Lebenslaufes des Dr. Bartsch ein. Dieser Mann war ein Lehrer, der so tat, als ob er Arzt und Psychotherapeut gewesen wäre. Er war auch in die NS-Ausmerzepolitik verstrickt. In seinen Schriften rechtfertigte er Konzenstrationslager, Euthanasie und  Zwangssterilisationen (S. 51).

Lena Gilhaus: Verschickungskinder

Eine verdrängte Geschichte

Kiepenheuer und Witsch, Köln 2023,  350 Seiten, Preis: 24 Euro

Lena Gilhaus ist studierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Journalistin. Sie hat mehrere gelobte Reportagen über die Verschickungskinder verfasst. Das hier vorliegende Buch ähnelt im Aufbau der Publikation von Hilke Lorenz.

Anstoß war die Geschichte ihres Vaters. Diese bildet im Buch eine Rahmenhandlung. Die Leser werden mit auf eine Reise zum Heim des Vaters genommen. Dazwischen kommt es aber auch zu Berichten anderer Opfer sowie über deren Einrichtungen.
Viel Raum nehmen auch die Heime in der DDR ein.
Die DDR-Verschickungsheime wären einer eigenen Untersuchung wert.
Am Ende des Buches von Gilhaus fand ich das umfangreichste Quellenverzeichnis zum Thema. Zusätzlich gibt es Angaben über Medienberichte und Internetquellen.

Um Wiederholungen zu vermeiden, gehe ich in der folgenden Besprechung eher auf neue Aspekte und Informationen ein.

Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung?

Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Dölling und Galitz-Verlag. Hamburg, 300 Seiten, 28 Euro

ISBN: 798-3-86218-163-6

Weil es in diesen Zusammenhang passt und ein von einer Trägerorganisation in Auftrag gegebene Studie ist, soll sie hier noch einmal abgedruckt werden. Nach meinen Informationen handelt es sich um die erste Aufarbeitung einer Trägerorganisation.

Das Thema im Überblick

Zwischen 1950 und 1993 wurden etwa zehn Millionen Kinder im Alter zwischen 4 und 14 Jahren in sogenannte Kinderkurheime unterschiedlicher Träger verschickt. Zwischen vier und fünf Prozent, also etwa 450.000, davon befanden sich in drei Heimen der DAK oder in anderen von dieser Kasse beauftragten Einrichtungen. Insgesamt soll es im Jahre 1963 in der BRD über 800 Kur-, Heil-, Genesungs- und Erholungsheime für Minderjährige mit über 56.000 Plätzen gegeben haben (S. 90). Es handelte sich um einen riesigen und heute noch weitgehend unbekannten Markt.

Der Verfasser des Buches

Hans Walter Schmuhl ist außerplanmäßiger Universitätsprofessor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Er ist freiberuflicher Historiker und Autor bzw. Mitautor einiger Bücher über kirchliche Einrichtungen und deren Heime.

Geleitwort

Von Andreas Storm (Vorstand DAK) und Dieter Schröder (Verwaltungsrat DAK).

Nachdem in den letzten Jahren viele negative Vorkommnisse, auch bei anderen Heimträgern, bekannt wurden, bemühte sich die DAK „das Leid der Opfer anzuerkennen“. Man nahm Kontakt zu den Betroffenen und ihren Organisationen auf und bat um Entschuldigung (S. 10f.).

Schmuhl fertigte im Auftrag der DAK innerhalb eines Jahres diese Studie an. Er hatte Zugang zu den Archiven. Bei derartigen Auftragsuntersuchungen ist Vorsicht geboten. Denn es gab in der Vergangenheit viele gut bezahlte Gefälligkeitsstudien.

Dabei ging es auch um Reinwaschung beschuldigter Organisationen. Wie hat der Verfasser diese Aufgabe gelöst?

Birgit Lübben: Ware Kurkind

Birgit Lübben: Ware Kurkind Was in Bremer Akten steht

Was in Bremer Akten steht

Book on Demand, Norderstedt

2023
350 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-7568-8305-9

Die Autorin: Birgit Lübben wurde 1968 geboren und arbeitet in der Meeresforschung an der Universität Bremen. Im Jahre 1971 war sie als Dreijährige acht Wochen lang in einer „Kinderkur“. Derzeit ist sie in Bremen für die „Initiative Verschickungskinder“ als ehrenamtliche Landeskoordinatorin tätig. Als sie erfahren wollte, weshalb man ihr damals diese „Kur“ angetan hatte, erlebte auch sie eine „Wand des Schweigens“. Bevor Lübben sich mit dem Thema Kinderverschickung beschäftigte, hatte sie den Eindruck, dass nur sie „eine schlimme Kinderkur erlebt“ hatte (S. 10). Nachdem sie sich gründlich in die Akten der Stadt Bremen vertiefte, kam sie dahinter, dass es Millionen von Kindern über Jahrzehnte hinweg so oder ähnlich, wie ihr selber, ergangen war.

Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder

Die Akte Verschickungskinder

Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden

Weinheim Basel: Beltz. 2021, 300 Seiten, Preis: 22 Euro

ISBN: 978-3-407-86655-4

Die Autorin ist Redakteurin bei der Stuttgarter Zeitung und hatte schon mehrere populär geschriebene Sachbücher veröffentlicht: „Kriegskinder – das Schicksal einer Generation“ oder „Heimat aus dem Koffer“. 

Wie schon erwähnt gebührt Anja Röhl der große Verdienst, die Skandale um die Verschickungskinder aufgedeckt und mit ihrem Buch von 2023 bedeutete Fakten bekannt gemacht zu haben.

Aber schon bei Lorenz wird die Beschwerde einer damals 18-jährigen Kinderpflegerin gewürdigt. Denn sie hatte schon 1969 öffentlich auf die unhaltbaren Zustände in den Heimen aufmerksam gemacht.

Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder

Elend der Verschickungskinder

Kindererholungsheime als Orte der Gewalt

Gießen: Psychosozial-Verlag 2021.
300 S., Preis: 30 Euro.

ISBN: 978-3-8379-3053-5

Das Buch von Anja Röhl gilt zu Recht als das zentrale Werk über das Thema. Sie hatte Pionierarbeit geleistet. Ich finde das Buch beispielhaft gegliedert. Denn es trennt klar zwischen den wissenschaftsbezogenen, also auf Fakten basierten Kapiteln, sowie den etwa 150 Seiten umfassenden Texten, welche auf den Berichten von Verschickungskindern beruhen. Was steht drin? Nach einleitenden Erläuterungen beschäftigt sich Röhl mit dem historischen Hintergrund der Verschickungen.

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